Am 24. Juni 2026 wurde das YU GARDEN in Hamburg zur Partnerbühne „Open for Change:Stage“ des University:Future Festivals. Die Partnerbühne wurde gemeinsam von der Universität Hamburg und dem OERcamp gestaltet. Insgesamt hatten sich 389 Menschen für das Programm in Hamburg angemeldet.
Unter dem Festivalmotto „Under Pressure“ rückte die Open for Change:Stage Offenheit als Antwort auf gesellschaftlichen und institutionellen Veränderungsdruck in den Mittelpunkt. Thematische Schwerpunkte waren Open Educational Resources (OER), Open Educational Practices (OEP) und die Zukunft der Lehrkräftebildung. Das Partnerbühnen-Programm umfasste Keynotes, Inputs, Panel-Diskussionen, Lightning Talks und Workshops. So entstand ein vielfältiger Tag zwischen Bühne, Austausch, Vernetzung und gemeinsamen Denkbewegungen.
Digitale Transformation, Nachhaltigkeit, Demokratiefragen, neue Anforderungen an Schule und Hochschule, knappe Ressourcen und Unsicherheiten im Umgang mit KI prägen den Alltag vieler Bildungsakteur*innen. Die Open for Change:Stage setzte diesem Druck keine einfachen Antworten entgegen. Stattdessen zog sich eine Frage durch den Tag: Wie kann Offenheit helfen, unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben?
Dokumentationen und Aufzeichnungen
Wer einzelne Beiträge vertiefen möchte, findet die Dokumentationen der Sessions auf der Plattform des Digital Learning Campus. Dort sind die transkribierten Sessions aufbereitet – unter anderem mit Zusammenfassungen, Wortwolken, Fragen und Antworten sowie weiteren Materialien wie Foliensätzen und den Videoaufzeichnungen, soweit bereits vorhanden.
Die Videoaufzeichnungen der Beiträge erscheinen auch bald auf dem YouTube-Kanal des Hochschulforums Digitalisierung. Die Übersicht aller U:FF-Videos ist dort in den Playlists zu finden.
Weitere Informationen zur Veranstaltung gibt es auf der Seite „OERcamp goes U:FF 2026“ sowie auf der Hamburger Partnerbühnenseite des University:Future Festivals.
Open for Change: Offenheit als Haltung und Praxis
Eröffnet wurde die Open for Change:Stage durch Christina Schwalbe von der Universität Hamburg und Jöran Muuß-Merholz vom OERcamp. Grußworte kamen unter anderem von Prof. Dr. Natalia Filatkina, Vizepräsidentin für Studium und Lehre der Universität Hamburg, Laura M. Edinger-Schons, Chief Sustainability Officer der Universität Hamburg, Dr. Esther Bishop von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre und Prof. Dr. Kerstin Mayrberger, Vorsitzende des Beirats zur Umsetzung der OER-Strategie.
Schon in der Eröffnung wurde deutlich: Offenheit meint auf dieser Bühne mehr als frei lizenzierte Materialien. OER sind wichtig, aber sie stehen in einem größeren Zusammenhang. Es geht auch um offene Bildungspraktiken, offene Institutionen, kooperative Formen des Lernens und eine Kultur, in der Wissen geteilt, weiterentwickelt und gemeinsam nutzbar gemacht wird.
Gerade unter Druck kann Offenheit eine Ressource sein. Sie schafft Räume, in denen nicht jede Organisation allein nach Lösungen suchen muss. Sie ermöglicht Austausch, Zusammenarbeit und die Weitergabe von Erfahrungen. Und sie kann helfen, Veränderung nicht nur als Zumutung, sondern auch als Gestaltungsaufgabe zu verstehen.
Schule im Wandel: Was Lehrkräftebildung daraus lernen kann
Den ersten großen Impuls setzte Monika Stausberg, Schulleiterin der Beruflichen Schule ITECH Elbinsel Wilhelmsburg. Die ITECH Hamburg steht für selbstorganisiertes, kompetenzorientiertes Lernen und wurde mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.
Stausberg zeigte eindrücklich, dass Kompetenzorientierung nicht einfach eine Methode ist, die man in bestehende Strukturen einfügt. Sie ist eine institutionelle Entscheidung. Wenn Schüler*innen Verantwortung übernehmen, selbstorganisiert lernen und mit Unsicherheit umgehen sollen, dann müssen auch Lehrkräfte und Organisationen diese Haltung vorleben.
Besonders stark war dabei das Bild des Spiegelprinzips: Das, was von Schüler*innen erwartet wird, müssen Lehrkräfte und Institutionen selbst praktizieren. Offenheit, Selbstverantwortung und Zukunftsorientierung lassen sich nicht überzeugend vermitteln, wenn sie im System selbst nicht erfahrbar werden.
Deutlich wurde auch ein Spannungsfeld, das viele Schulen kennen: Lernsettings werden offener, Prüfungsformate bleiben aber oft starr. Schule soll junge Menschen auf Zukunft vorbereiten, prüft aber häufig weiterhin nach Logiken der Vergangenheit. Daraus entsteht Reibung – und genau diese Reibung macht sichtbar, dass Wandel nicht nur auf der Ebene einzelner Unterrichtsmethoden stattfinden kann.
Damit verändert sich auch die Rolle von Lehrkräften. Es geht weniger um reine Wissensvermittlung und stärker um Begleitung, Coaching, Einordnung und Beratung. Das ist anspruchsvoll, denn Begleitung schafft Nähe und braucht Zeit, Klarheit und professionelle Unterstützung. Zugleich zeigte der Vortrag, wie viel möglich wird, wenn Schule Wandel nicht als Ausnahme begreift, sondern als Daueraufgabe annimmt.
Zukunftsfähigkeit ist eine institutionelle Aufgabe
Im Anschluss weitete Julia Borggräfe den Blick auf Bildungsorganisationen insgesamt. Unter dem Titel „Transformation ist mehr als Anpassung“ sprach sie darüber, wie Institutionen mit Unsicherheit umgehen können.
Ein zentraler Gedanke: Viele Menschen erleben Veränderungsdruck nicht als etwas, das sie aktiv gestalten können, sondern als Überforderung. Rahmenbedingungen lassen sich von Einzelnen nicht einfach herstellen. Wenn Anforderungen steigen, Ressourcen fehlen und Ziele unklar bleiben, entstehen Hilflosigkeit und Frust.
Borggräfe stellte strategische Vorausschau als Möglichkeit vor, anders mit Zukunft umzugehen. Zukunft wird dann nicht als etwas verstanden, das einfach passiert, sondern als etwas, über das gemeinsam nachgedacht, gestritten und entschieden werden kann. Szenarien, systemisches Denken und partizipative Prozesse können Organisationen helfen, Orientierung zu gewinnen, ohne so zu tun, als ließe sich alles sicher planen.
Für die Lehrkräftebildung bedeutet das: Neben Fachwissen werden Zukunftsorientierung, Reflexionsfähigkeit und Ungewissheitskompetenz wichtiger. Lehrkräfte gestalten nicht nur Unterricht, sondern wirken an Schule als Organisation mit. Wer Lehrkräftebildung zukunftsfähig denken will, muss deshalb auch fragen, wie angehende Lehrkräfte lernen, mit Ambivalenzen umzugehen und Veränderung gemeinsam zu gestalten.
Open for Change durch Partizipation: Lernen aktiv mitgestalten
Wie solche Perspektiven bereits im Studium erfahrbar werden können, zeigte die Lernreise Hamburg. Josefine Ley, Louisa Schnetzer, Maren Plaum und Franziska Carl stellten ein Projektseminar vor, in dem Lehramtsstudierende wissenschaftliche Perspektiven auf Schule mit selbst geplanten Praxisbesuchen verbinden.
Die Studierenden entscheiden dabei mit, welche Schulen sie besuchen, wie die Reise organisiert wird und wie Eindrücke ausgewertet und präsentiert werden. Dadurch wird Partizipation nicht nur als Thema behandelt, sondern im eigenen Lernprozess praktisch erfahrbar.
Das Format erweitert die im Lehramtsstudium oft vertraute Unterrichtsperspektive um einen Blick auf Schule als Organisation. Studierende erleben, dass Schulentwicklung nicht abstrakt bleibt, sondern in Räumen, Routinen, Beziehungen und Entscheidungen sichtbar wird. Dafür braucht es Vertrauen, Offenheit und die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Genau darin liegt die Stärke des Formats: Es macht erfahrbar, dass Lernen nicht nur durch Inhalte entsteht, sondern auch durch Verantwortung und Mitgestaltung.
Open Education braucht Pflege
In den Lightning Talks wurde Offenheit anschließend aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Nadine Linschinger und Kristina Neuböck sprachen über Open Education an Hochschulen und nutzten dafür das Bild einer Pflanze. Offenheit wächst nicht automatisch. Sie muss gepflegt, genährt und geschützt werden, damit sie an einem Hochschulstandort Wurzeln schlagen kann.
Das Bild passte gut zum Thema des Tages. Denn OER und offene Bildungspraktiken leben nicht allein von guten Ideen. Sie brauchen Communities, Strukturen, Zeit, Ansprechpersonen und institutionelle Unterstützung. Gerade im Hochschulalltag, in dem viele Menschen unter hoher Arbeitsbelastung stehen, ist Open Education keine Selbstverständlichkeit. Sie muss ermöglicht werden.
Anja Lorenz zeigte am Beispiel der MoodleMoot DACH 2025, wie offene Bildungsinfrastruktur durch gemeinsames Arbeiten entsteht. DevCamp-Projekte, Barcamp-Sessions, Austausch und viele Tassen Kaffee standen dabei für mehr als eine Konferenz. Sie zeigten eine Community, die an einer offenen Lernplattform arbeitet und digitale Souveränität praktisch werden lässt.
Ein weiterer Lightning Talk rückte Studierende im Open Science Movement in den Mittelpunkt. Die zentrale Botschaft: Wer nachhaltigen Kulturwandel in Wissenschaft und Bildung möchte, sollte Studierende früh beteiligen – nicht erst später als Forschende, sondern bereits im Studium als aktive Mitgestalter*innen offener Wissenschaft.
Zukunftsbildung und EDUPUNK
Wanda Möller stellte anschließend ein didaktisches Design zu Futures Literacy in der Lehrkräftebildung vor. Im Mittelpunkt standen Methoden wie Szenarien, Backcasting und Causal Mapping sowie die Frage, wie Zukunftsbewusstsein, Selbstwirksamkeit und der Umgang mit Unsicherheit gestärkt werden können.
Damit schloss der Beitrag an viele Fragen des Vormittags an: Wie können angehende Lehrkräfte lernen, nicht nur auf Gegenwart zu reagieren, sondern Zukunft bewusst mitzudenken? Und wie lassen sich Methoden der Zukunftsbildung so einsetzen, dass sie nicht abstrakt bleiben, sondern Orientierung für pädagogisches Handeln bieten?
Ein besonderer Programmpunkt war die Keynote von Jim Groom: „Is punk dead (in education)? What does EDUPUNK mean in 2026?“ Groom, der den Begriff EDUPUNK 2008 geprägt hat, blickte nicht nur zurück, sondern fragte, was vom rebellischen DIY-Geist in Bildung und Technologie geblieben ist.
Seine Beispiele führten in offene, selbst gestaltete Lern- und Infrastrukturräume: vernetzte Communities, studentische Projekte, eigene digitale Räume, Blogs, Radioformate und „Domain of One’s Own“ als Alternative zur vollständigen Abhängigkeit von geschlossenen Lernmanagementsystemen. Dabei ging es nicht um Rebellion als Pose, sondern um Selbstermächtigung, Gestaltung und Beziehungen.
EDUPUNK wurde so anschlussfähig an den roten Faden des Tages. Wer mit bestehenden Systemen unzufrieden ist, kann eigene Räume schaffen – nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen. Offenheit ist dann nicht nur ein Lizenzmodell, sondern eine Praxis des Ausprobierens, Teilens, Umbauens und Aneignens.
Open for Change mit OER: Verbindungen zwischen Schule, Hochschule und Beruf
Am Nachmittag griff das Programm weitere Aspekte von Offenheit auf. In der Panel-Diskussion „Crossing Borders“ ging es um OER als Verbindung zwischen Wirtschaft, beruflicher und akademischer Bildung. Im Mittelpunkt stand dabei auch die Frage, wie OER helfen können, institutionelle Grenzen zu überwinden: zwischen beruflicher Bildung, Hochschulen und Unternehmenspraxis, zwischen Nachhaltigkeit und Digitalisierung, zwischen Materialentwicklung und Community-Aufbau.
Weitere Beiträge beschäftigten sich mit KI und Ko-Kreation im Klassenzimmer, Social-Media-Arbeit für Drittmittelprojekte, Openness an Hochschulen sowie Teaching Analytics. Parallel boten Workshops und Austauschformate Raum, um Fragen rund um Lehrkräftebildung, Open Education und OER-Infrastrukturen weiter zu vertiefen.
Damit wurde der Blick noch einmal geweitet. Offenheit betrifft nicht nur einzelne Materialien oder Projekte. Sie berührt Fragen von Infrastruktur, Kommunikation, Daten, Kooperation und institutioneller Verankerung. OER und OEP stehen nicht am Rand von Bildungsentwicklung, sondern mitten in zentralen Zukunftsfragen. Es geht um die Weitergabe von Wissen, aber auch um Machtfragen, Plattformlogiken, Sichtbarkeit, Anerkennung, Qualitätssicherung und die Frage, wer Bildungsräume gestaltet.
Abseits der Bühne: Workshops, Austausch und Begegnungen
Die Open for Change:Stage bestand nicht nur aus Bühnenbeiträgen. Auch abseits des Hauptprogramms lud die Partnerbühne dazu ein, ins Gespräch zu kommen, neue Perspektiven zu entdecken und Zukunft aktiv mitzugestalten. Im Teehaus fanden Workshops und Live-Podcasts statt, die Raum für vertieften Austausch, gemeinsames Ausprobieren und weiterführende Diskussionen boten – von der Frage, ob Lehrkräftebildung auf die aktuellen Herausforderungen im Bildungssystem antworten kann, über Open Education unter Druck bis hin zu EDUPUNK, OER-Infrastrukturen und neuen Formen der Zusammenarbeit.



Auch die Co-Working- und Networking-Area machte Offenheit praktisch erfahrbar. Interaktive Formate wie die „Universität für neue Wirklichkeiten“ und „Transform.Ed – Schule der Zukunft“ luden dazu ein, Bildungslogiken zu hinterfragen, Zukunftsszenarien spielerisch zu erkunden und konkrete Ansätze für Schul- und Hochschulentwicklung kennenzulernen. So wurde die Open for Change:Stage nicht nur zu einem Ort des Zuhörens, sondern auch des Mitmachens, Vernetzens und Erlebens.
Den Abschluss bildete ein entspanntes Get-together im YU GARDEN. In der besonderen Atmosphäre des Ortes – drinnen wie draußen – konnten Gespräche aus dem Tag weitergeführt, neue Kontakte geknüpft und mögliche Anknüpfungspunkte für Zusammenarbeit entdeckt werden.
Open for Change: Bildung offener denken
Am Ende blieb als roter Faden: Bildung steht unter Druck. Aber Druck muss nicht nur verengen. Er kann auch sichtbar machen, wo alte Routinen nicht mehr tragen, wo neue Formen der Zusammenarbeit nötig werden und wo Offenheit mehr sein kann als ein Ideal.
Die Open for Change:Stage hat gezeigt, dass OER und offene Bildungspraktiken eng mit Fragen von Professionalität, Zukunftsfähigkeit und digitaler Souveränität verbunden sind. Offenheit hilft dabei, Bildung nicht als fertiges System zu verwalten, sondern als gemeinsamen Gestaltungsraum zu verstehen.
Oder anders gesagt: Open for Change war nicht nur der Name der Bühne. Es war auch eine Einladung, Bildung unter Druck nicht enger, sondern offener zu denken.
0 Kommentare