Das OERcamp ist ein Ort des Austauschs, der Inspiration und der Praxis – und das zeigt sich besonders eindrücklich in den persönlichen Stimmen der Teilgebenden. Auf dem OERcamp in Essen 2024 wurden ihnen vier zentrale Fragen rund um OER (Open Educational Resources), KI und die offene Bildungsarbeit gestellt. So entstand eine äußerst vielstimmige Abbildung des aktuellen Diskurses.
Frage 1. Inwieweit verändert sich OER durch KI heute schon?
Künstliche Intelligenz macht es einfacher und schneller, OER-Materialien zu erstellen – etwa durch KI, die Texte oder Bilder erzeugt. Das ist praktisch, aber die Qualität solcher Materialien ist nicht automatisch gut und muss kritisch geprüft werden. Außerdem übernimmt die KI immer mehr Aufgaben beim Erstellen von Materialien, wodurch weniger Austausch, Zusammenarbeit und Reflexion stattfinden kann. Genau das sind aber wichtige Bestandteile von gutem Lernen und offener Bildung. Deshalb müssen wir uns noch stärker damit beschäftigen, wie Lernen trotz KI-Einsatz menschlich und gemeinschaftlich bleibt – und wie offene Bildungspraktiken das unterstützen können.
OER verändert sich durch KI heute schon, indem einfach Materialien schneller erstellt werden können. Ressourcen werden gespart wie Zeit, wie Aufwand.
Sarah (Theresa) Habla; Fernuniversität in Hagen, Projekt KI-Campus 2.0
Frage 2. Wenn du dir eine KI-Funktion für die praktische Arbeit mit OER / für offene Bildung wünschen dürftest, was wäre das?
Die Wünsche für die praktische offene Bildungsarbeit sind vielfältig: Von barrierefreien Anpassungen (wie z.B. die Übersetzung in Blindenschrift oder automatische Alternativtexte), über die Unterstützung bei Lizenzen und Metadaten bis hin zur Nachhaltigkeit und Qualitätskontrolle. Ein zentrales Anliegen ist es, KI für mehr Inklusion und Partizipation einzusetzen.
Vor allem monotone Aufgaben sollen durch Automatisierung erleichtert werden. Das kann z.B. Unterstützung bei der Suche nach fehlenden Inhalten oder pädagogisch wertvollen Bildern sein oder grafische Korrekturen. Arbeitserleichternd wäre auch die Hilfe bei der Recherche von Lizenzen und Urheberrechten zu ungenügend beschrifteten Materialien, ein automatischer Test auf Barrierefreiheit oder die Antwort auf die Fragen: „Was gibt es schon an Materialien? Muss ich neue erstellen oder kann ich auf bereits existierende aufbauen?“. Ein wichtiger Aspekt bei der Verfolgung von Nachhaltigkeitszielen.
Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es die Möglichkeit, über einen Knopfdruck ein Lernmaterial an gewisse Beeinträchtigungen anpassen zu können.
Maya Persico; OERlab Uni Hamburg (UHH)
Frage 3. „OEP“ steht für „Open Educational Practices“. Dazu gibt es verschiedene Definitionen. Aber wie sieht das KONKRET aus? Kannst du eine konkrete Situation / ein Beispiel beschreiben?
Bei der Frage nach gelebter OEP gibt die OERcamp Community ganz unterschiedliche Beispiele. So werden das gemeinsame Entwickeln von Materialien, das Teilen von Ideen und Feedback, Lernsettings, in denen Lernende selbst zu Lehrenden werden (Rollen aufbrechen) oder Lernbüros, in denen Kinder selbstreguliert arbeiten können, genannt. Viele Antworten zeigen, dass OEP vor allem eine Kultur des Teilens, des Feedbacks und der Zusammenarbeit ist – sowohl in der Praxis als auch in der Community. Darüber hinaus zeigt sich: Allein das Verwenden von OER kann zu einer offeneren Arbeitsweise führen. Ideen werden früher geteilt und gemeinsam weiterentwickelt.“ Noch nicht vollends ausgereifte Ideen werden frühzeitig geteilt und gemeinsam weiterentwickelt, um Materialien zu verbessern.
Ein Beispiel ist das, was wir im Projekt Werkstatt offenes digitales Lernbüro machen. Das heißt, wir entwickeln Lernbüros, in denen Kinder selber entscheiden: ,In welchem Fach lerne ich? Wann lerne ich? Wie lange habe ich Zeit für das eine oder andere?
Richard Heinen; learninglab Köln
Frage 4. Was hat das Thema OER mit dem Thema Weltverbesserung zu tun?
Der Zusammenhang von OER und einer besseren Welt besteht für viele darin, dass OER Bildung zugänglicher, gerechter und vielfältiger macht. Viele betonen, dass Wissen das einzige Gut ist, was mehr wird, wenn man es teilt – wie es bereits im 19. Jahrhundert Marie von Ebner-Eschenbach formulierte – und dass OER eine offene, partizipative Gesellschaft fördert. Hierbei sind sich alle einig: OER macht die Welt über den Weg der Bildung ein Stückchen offener und zugänglicher.
Auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber politischen oder wirtschaftlichen Einflüssen stellt einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Welt dar. Durch die gemeinschaftliche Erstellung von OER fließen vielfältige Perspektiven in die Materialien ein, sodass diese nicht nur einzelne Sichtweisen widerspiegeln. Zudem sind OER weniger anfällig für Einflussnahmen durch Geldgeber oder wirtschaftliche Interessen und bilden damit ein Gegengewicht zu autokratischen Bestrebungen.
„Für mich wird die Welt durch OER besser, weil sie offener und zugänglicher für alle ist.“
Anne Pferdekämper; Kompetenzzentrum digitale Barrierefreiheit.nrw
Die Antworten auf die vier Fragen zu OER zeigen, wie vielfältig, kreativ und engagiert die OER-Community ist und machen deutlich, dass Offenheit, Austausch und Innovation im Zentrum der OER-Bewegung stehen.
1 Kommentare
Super Videos! Sehr aussagekräftige Stellungnahmen, toll geschnitten! Herzlichen Dank für die Aufnahmen, Schnitte und Veröffentlichungen!